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Sabine Lechleuthner
Karins Alpträume – gedeutet durch Sabine Lechleuthner
Schon als Kind faszinierten mich die Träume.
Ich absolvierte mehrere Traumberaterausbildungen und deute seit vielen Jahren Träume.
Das folgende Fallbeispiel zeigt, wie hilfreich eine Traumdeutung sein kann.
Karins Alpträume
Karin kommt ziemlich verzweifelt in die Beratung. Seit Wochen plagen sie schlimmste Alpträume. Die Inhalte ähneln sich: Sie startet eine Aktion, die ihr durchaus Freude bereitet, doch plötzlich wendet sich das Blatt, und sie scheitert. Aber nicht nur das. Sämtliche Träume enden mit ihrem Tod.
Sie hat Angst, dass das vorausschauende Träume sind, und sie in Kürze mit ihrem Ableben rechnen muss. Das ist sehr drastisch und muss unbedingt geklärt werden, da ihre Lebensqualität bereits eingeschränkt ist durch die Angst vor dem Tod.
Ich bitte sie, mir einige dieser Träume zu schildern.
Sehr aufgeregt beginnt sie zu erzählen:

Traum 1
Ich will Früchte vom Baum pflücken, klettere die Leiter hoch, verliere aber beim Pflücken plötzlich das Gleichgewicht, stürze hinunter und breche mir das Genick. Aus diesem Alptraum schrecke ich hoch.

Traum 2
Ich gehe auf einer großen Straße, ich sehe, dass es die „Walk of Fame“ ist. Ich weiß, dass ich dort einen Stern bekommen habe. Während ich meinen Stern suche, werde ich überfahren.

Traum 3
Ich stehe auf einem Felsen, es ist Sommer und sehr heiß. Unter mir ist ein kühler See. Jemand sagt: Spring hinein, das tut Dir gut. Freudig springe ich hinunter, doch kaum bin ich im See, spüre ich, wie kalt das Wasser ist. Es ist so eisig, dass ich mich nicht mehr bewegen kann und sofort untergehe.
Sie berichtet, dass es fast jede Nacht in einer anderen Variante so abläuft. Sie will schon gar nicht mehr einschlafen.
Karin hat wiederkehrende Angstträume. In immer neuen Varianten versucht ihre Seele eine Situation zu verarbeiten. Jetzt geht es darum herauszufinden, was aktuell in ihrem Leben los ist. Denn Träume beziehen sich immer auf die momentane Lebenslage. Was belastet oder ängstigt Karin so sehr, dass es zu solchen Alpträumen kommt?
Ich frage, wann diese Träume begannen. Und was rund um diesen Zeitpunkt in ihrem Leben geschah.
Die Träume traten erstmals vor ca. 7 Wochen auf, berichtet sie. Es ist aber nichts Schlimmes passiert in der Zeit. Im Gegenteil. Sie hat etwas sehr Schönes erlebt. In einem Arbeitsgespräch kündigte ihr Chef eine Beförderung an. Sie war bereits einmal übergangen worden, was sie damals sehr getroffen hat. Aber nun war es endlich so weit - sie erhält mehr Geld und mehr Verantwortung. Sie kann nun auch eigene Entscheidungen treffen und ist außerdem Teamleiterin.
Sie sagt wörtlich, dass dies einen großen Sprung nach vorne bedeutet, und sie fühlt sich geehrt, dass ihr Chef ihr das alles zutraut. Ihr Mann ist sehr stolz auf sie, ihre Eltern sagen, sie hätten nichts anderes von ihr erwartet. Sie selbst freut sich auch sehr und will sich bemühen, den neuen Anforderungen gerecht zu werden.
Die Art, wie sie die aktuelle Lage schildert, ist ruhig, eher verhalten, leicht gestresst. Aus ihrer Wortwahl springen mir förmlich ihre Träume entgegen – auf einer Leiter klettert man nach oben, es könnte die Karriereleiter sein, und sie machte einen großen Sprung! Im Traum kostete sie die Leiter und der Sprung das Leben.
Ich frage sie, ob ihr aufgefallen ist, dass sie Worte verwendet, die in ihren Träumen vorkommen. Zunächst kann sie keinen Zusammenhang erkennen.
So bitte ich sie, sich auf ihren Job zu fokussieren und mir zu erzählen, was sie – neben der Freude – noch spürt.
Sie zählt auf: Ehre, Anerkennung, Stolz, Leistung, Druck, Erwartungshaltung der anderen, die Angst nicht zu genügen, alle zu enttäuschen, zu scheitern und sich zu blamieren.
Im Aufzählen wird ihr allmählich bewusst, wie groß der Druck auf ihr lastet, durch die neue Rolle und die Gehaltserhöhung mehr Leistung bringen zu müssen. Jetzt muss sie liefern, und genau davor hat sie Angst. Auf einmal fühlt sich alles eng an.
Ich frage sie, ob sie diese Gefühle von früher her kennt.
Sie sagt, dass sie einen großen Perfektionsdrang hat. Schon immer schlummert eine Angst in ihr, nicht gut genug zu sein. Im Elternhaus galt Leistung als sehr wichtig. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ist einer der Leitsätze, die ihr mit auf den Weg gegeben wurden. Sie ergänzt: Für die Arbeit war immer Zeit, für das Vergnügen dann nicht mehr.
Karin kam nicht immer direkt zum Ziel, es gab auch Umwege. Einmal stand sie kurz vor einem Burn-out. Im Grunde hat sie große Angst, dass der verantwortungsvollere Job sie überfordern wird.
Wir schauen uns die Träume genauer an. Was wollen sie Karin sagen?
Im Traum 1 sieht es nicht so aus, dass sie mit der (Karriere-)Leiter, dem Aufstieg nach oben, die Früchte ihrer Arbeit ernten will – dabei jedoch das innere Gleichgewicht verliert und abstürzt? Dabei bricht sie sich das Genick. Träume verwenden oft Redewendungen und setzen sie in ein Bild um: „Das hat mir das Genick gebrochen“ heißt: Das war zu viel für mich.
Warum kann oder darf sie die Früchte ihrer Arbeit nicht ernten und genießen?
In Traum 2 geht es um Ruhm und Ehre – auf dem „Walk of Fame“ sind Menschen durch einen Stern verewigt, die Berühmtheit erlangten. Karin sucht ihren Stern und wird dabei überfahren.
Sind Ruhm und Ehre für alle anderen da, nur nicht für sie?
In Traum 3 wagt sie einen freudigen Sprung ins kalte Wasser - und scheitert!
Sie traut sich etwas zu, macht etwas, das ihr guttut - und geht unter.
Auffallend ist, allem Positiven wird etwas Negatives entgegengesetzt.
Karins Träume sind sehr „sprechend“. Man kann sie wirklich eins zu eins übersetzen.
In allen Träumen scheitert sie. Und zwar immer dann, wenn es darum geht zu ernten. Offenbar steht ihr die positive Auswirkung ihrer Arbeit nicht zu. Sie kann nur Leistung im Zusammenhang mit Druck erkennen.
Hier kommt Karins Selbstwert ins Spiel. Das trifft einen wunden Punkt. Karin sagt, dass sie sich über Leistung definiert. Gleichzeitig hat sie immer Angst zu versagen. Daher geht sie Drucksituationen aus dem Weg. Lob oder Belohnung kann sie nur schwer annehmen – und gleichzeitig braucht sie beides.
Durch die Beförderung geriet Karin in eine echte Konfliktsituation. Und genau das spiegeln ihre Träume. So waren sie keine Vorboten ihres nahen Endes, sondern vielmehr ein Hilferuf.
Den Karrieresprung konnte sie nicht als Anerkennung und Zutrauen in ihre Fähigkeiten sehen, sondern nur als zusätzliche Belastung.
Die Traumdeutung kann den Konflikt beleuchten. Dadurch wird er erkannt und entschärft. Nach einigen intensiven Gesprächen rund um das Thema hörten Karins Alpträume auf.
Im Sommer 2026 ist erstmals ein Traumseminar an der Schule geplant.
Sabine Lechleuthner

