Publikationen
Sabine Lechleuthner
Tierträume - mit Fallbeispiel
Es gibt viele verschiedene Traumarten. Alpträume, Heilträume, Flugträume … und Tierträume.
Tiere tauchen relativ häufig auf im Traum. Sie sind ja auch ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Wir kennen sie als Haustiere oder als Nutztiere, wir bestaunen sie im Zoo, wir erleben sie täglich auf vielfältigste Weise in der Natur. Natürlich kennen wir sie auch aus Märchen und Mythen. Reineke Fuchs und der gestiefelte Kater zählen dazu oder die mächtigen Begleittiere der Götter wie die Raben Hugin und Munin, die Gott Odin, auf seiner Schulter sitzend, Vergangenheit und Zukunft ins Ohr flüsterten. Tierdokumentationen im Fernsehen erfreuen sich größter Beliebtheit – kurz: Tiere begleiten uns jeden Tag in irgendeiner Form. Da ist es natürlich kein Wunder, wenn sie Eingang in unsere Träume finden.
Wenn Sie von einem Tier träumen, gilt es genau hinzusehen, welches Tier sich hier zeigt.
Der Traum spricht immer in Symbolen und er bedient sich der Symbolik genau dieses Tieres, um Ihnen eine Botschaft zu überbringen. Deshalb die Frage: Kennen Sie das Tier? Ob persönlich oder aus einem Märchen, aus einer Erfahrung … es gibt viele Möglichkeiten. Für was könnte das Tier stehen? Und zwar im Zusammenhang mit Ihnen und ihrer momentanen Situation. Versuchen Sie sich zu erinnern bzw. zu assoziieren.
Wichtig ist auch, wie Ihnen das Tier im Traum begegnet.
Werden Sie gebissen? Dann können wir davon ausgehen, dass das Traumtier ein Anteil von Ihnen selbst ist, der sich unbedingt bemerkbar machen will.
Haben Sie Angst vor dem Tier? Vielleicht gibt es momentan eine Situation, die sich genauso anfühlt, wie ein angstbesetztes Erlebnis mit einem Tier. Oder taucht es als Helfer auf? Ist es krank oder gesund? All das spielt eine Rolle bei der Deutung. Manchmal zeigt es eine Kraft und Lebendigkeit, die wir zu uns nehmen sollten, oder es spiegelt einen schwachen Anteil, um den wir uns kümmern müssen.
Lassen Sie mich am Beispiel eines Serien-Traumes einer Klientin veranschaulichen, wie wir vorgehen:
Gelegentlich bekommt Frau B. Besuch von einer Katze im Traum. Sie ist schwarz-weiß. Es sind immer unterschiedliche Traumgeschichten, in denen die Katze die Hauptrolle spielt. Frau B. hat 4 von ca. 10 Träumen dabei.
Einmal brachte die Katze Frau B. eine Torte mit und legte sie auf ihren Tisch. Gemeinsam verspeisten sie die Süßigkeit. Da erinnerte sich Frau B., dass sie Geburtstag hatte. Offenbar wusste die Katze Bescheid.
Ein anderes Mal war die Katze krank, hatte eine Wunde an der Pfote, die Frau B. dann verband. Sie gab ihr eine Medizin gegen die Entzündung und die Schmerzen. Die Katze verbrachte einige Tage bei ihr, bevor sie geheilt wieder verschwand.
Manchmal kommt die Katze und sieht Frau B. einfach nur lange an.
Das letzte Mal war die Katze schwanger. Sie brachte ihre 4 kleinen Jungen auf Frau B.s Sofa zur Welt. Sie war eine wunderbare Katzenmutter, die sich hingebungsvoll um die Kleinen kümmerte.
Frau B. war gerührt. Aber sie wurde auch sehr traurig.
Dieser letzte Traum veranlasste Frau B. in die Beratung zu kommen. Sie wollte endlich wissen, was die Katzenträume zu bedeuten haben.
Frau B. ist 37 Jahre alt und lebt allein. Vor 3 Jahren ging ihre 12-jährige Partnerschaft in die Brüche. Es war eine normale, eher nüchterne Beziehung. Beide arbeiteten viel, hatten noch keine Kinder. Vieles wurde nach hinten verschoben wegen der Karriere. Die Beziehung war vernünftig und funktional, es gab weder Höhen noch Tiefen, sie schien aber stabil. Frau B. sehnte sich nach mehr Lebendigkeit und Leidenschaft, sprach das aber nie an. Dann wurde sie von ihrem Partner ganz plötzlich wegen einer anderen Frau verlassen. Vor kurzem erfuhr sie, dass die neue Frau schwanger ist. Das hat sie sehr getroffen.
Die Katze erschien unmittelbar nach der Trennung in ihren Träumen – und blieb.
Was fällt Frau B. als Erstes zu ihrer Katze ein?
Frau B. sagt, sie ist etwas Besonderes, weiß mit schwarzen, herzförmigen Flecken, man muss einfach hinschauen und sie gerne haben, die Herzen stehen für Liebe.
Ist das die wiederentdeckte Liebe zu sich selbst nach der Trennung?
Frau B. erinnerte sich auch an ihre heißgeliebte Katze aus der Kindheit, die ebenfalls schwarz-weiß war.
Was verbindet Frau B. allgemein mit Katzen?
Sie sieht in ihnen Individualität, Eigenständigkeit, sich selber leben, zu sich stehen, einen eigenen Willen haben. Und gleichzeitig wird die Nähe zum Menschen gesucht, geschnurrt, geschmust und zwar dann, wenn die Katze das Bedürfnis dazu hat.
Wie sieht sie die Beziehung zwischen der Katze und sich selbst?
Mit der Katze findet ein Geben und Nehmen, also ein echter Austausch, statt. Die Katze denkt an ihren Geburtstag, bringt ein Geschenk mit. Sie wiederum kümmert sich um die Katze, wenn es dieser schlecht geht. Alles ist selbstverständlich, natürlich und emotional.
Und dann bringt die Katze auch noch ihre Jungen bei Frau B. zur Welt. Was für ein Vertrauen, meint Frau B. Durch die Katzenkinder wird sie an ihren eigenen Kinderwunsch erinnert. Frau B. erinnert sich, dass sie mal im Spaß von 4 Kindern gesprochen hat, als das Thema am Anfang ihrer Beziehung aufkam.
Dieses kleine Wesen im Traum hat eine wichtige Funktion: Die Rückbesinnung von Frau B. auf sich selbst. Ihre Wünsche und Bedürfnisse, die lange Zeit weder von ihr noch von ihrem Partner beachtet wurden, treten nun deutlich hervor. Wieder Geburtstag feiern, also ihre Identität, fürsorglich sein können, wenn es jemand schlecht geht – damit sind natürlich auch die eigenen Wunden gemeint, um die sie sich nun wieder kümmert. Der Kinderwunsch rückt erneut ins Blickfeld. Noch ist es nicht zu spät. Kindern stehen im Traum auch immer für neue, eventuell lang verschüttete, aber sehr lebendige Anteile und Möglichkeiten, die gelebt werden können.
Die Katze sieht Frau B. lange unverwandt an. Sie macht sie darauf aufmerksam, sich
wiederzufinden und ernst zu nehmen. Mithilfe der Traum-Katze beginnt sie nun ein neues Leben.
Sabine Lechleuthner
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