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Christian König

Der Himmel

 

„Das Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen“
Thomas von Aquin

Der Sternenhimmel. Nur wenige Worte lösen so viele Träume, Sehnsüchte und Gefühle in uns aus. Als die Nächte noch dunkel waren, gab es nur Staunen. Staunen über das Leuchten, Atmen und Funkeln. Staunen über die dynamische Bewegung, die trotzdem beruhigt. Egal was ist und sein wird - wir können uns darauf verlassen. Eine unglaubliche Kontinuität und ein Eingebettetsein.

Sind wir Menschen, weil wir staunen und zu den Sternen schauen? Oder schauen wir zu den Sternen, weil wir Menschen sind? Den Himmel zu betrachten wird die Wirtschaft nicht ankurbeln, wird keine Kriege beenden und wird uns auch kein Sixpack verschaffen. Aber es ist wichtig. Es hilft, sich daran zu erinnern, dass wir und unsere Herausforderungen verschwindend klein sind. Aber auch, dass wir ein Teil dieser unendlichen Weiten des Universums sind.

Wir haben Stickstoff in unserer DNA und Sauerstoff in den Körperflüssigkeiten. Wir haben Kohlenstoff in unseren Fetten und Phosphor in den Knochen. 97 Prozent Sternenstaub. Wir sind Sterne, die Namen tragen. Die Sterne waren schon da, lange bevor es uns Menschen gab. Die Sternbilder, die imaginären Linien dazwischen, sind menschliche Erfindungen. Der Himmel als Projektionsfläche archetypischer Sehnsüchte. ›Himmel‹ lässt sich von dem alten Ausdruck ›Heime‹, ›Heimat‹ ableiten, wie Wilhelm Raabe weiß. 50% unserer Weltwahrnehmung sind davon geprägt - manchmal mehr, manchmal weniger. Selten sind wir ohne ihn. Wenn doch, bemerken wir sein Fehlen schnell. Ein Raum ohne Fenster ist uns nicht so viel wert. Es ist ein „Zimmer mit eingeschränkter Benutzungsmöglichkeit“. Wir sind nicht gerne in solchen Räumen. Wir fühlen uns ohne Bezug zum Himmel nicht wohl.

Unbewusst sind wir immer damit verbunden. Wir brauchen ihn. Aber wir neigen dazu, ihn zu ignorieren, ihn als selbstverständlich hinzunehmen. Wenn wir heute über den Himmel sprechen, dann meist im Wetterbericht. Wir konzentrieren uns auf andere Dinge und haben ihn beinahe vergessen - auch und vor allem in der Astrologie.

Für die Ägypter, Sumerer, Mesopotamier und Babylonier war das unvorstellbar. Ihre gesamte Astrologie (ca. 3000 v. Chr. bis ca. 70 n. Chr.) war auf die direkte, intuitive Erfahrung und Beobachtung des Himmels ausgerichtet. Ephemeriden und astrologische Software waren überflüssig. Nicht nur ein Teil des Himmels wurde beobachtet und gedeutet, sondern das gesamte Firmament. Der Astrologenpriester suchte dort nach Omen. Vorzeichen, die darauf hindeuteten, dass das Chaos zurückzukehren drohte. Denn wenn die himmlische Ordnung nicht stimmte, stimmte auch die irdische nicht. Wie oben, so unten; wie unten, so oben. Dagegen bevorzugten die Griechen einen rationalen und logischen Zugang zum Firmament. Intuitive Deutungen waren ihrem Geist zu irrational. Sie favorisierten lineare und kausale Modelle. Der Himmel wurde geordnet - und damit auch unsere Beziehung zu ihm. Ihr reduktionistisches Denken führte zu enormen wissenschaftlichen Fortschritt.

Im Streben nach Logik schenkten uns die Griechen die Ekliptik (der von der Erde aus gesehene, jährliche Sonnenweg). Alle Gestirne maß man jetzt mit dem neuen Sonnen-Lineal. Himmelskörper wurden zu mathematischen Punkten, die auf diesem Maßband lagen. Der Astrologe brauchte nicht länger zum Himmel zu schauen. Alles konnte exakt und bequem berechnet werden. Die sphärische Dimension, die ›Rundheit‹ des Sternenhimmels wurde auf ein Blatt Papier gebannt.

So ist es auch heute noch. Statt zum Firmament zu schauen, blicken wir auf Computermonitore. Viele Astrologen finden sich am Himmel auch gar nicht mehr zurecht. Wir kennen uns ›dort oben‹ kaum noch aus. Aber beschäftigen wir uns nicht genau damit?
›Wie oben, so unten‹ ...

Auszug aus:
Christian König (2016). Von einem anderen Stern – Fixsternastrologie. In Ilona Picha-Höberth & Gerhard Höberth (Hrsg.). Astro-Podium. Neue und erprobte Ansätze in der astrologischen Praxis. Wasserburg: CreAstro.